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O+P Fluidtechnik 1-2/2016

O+P Fluidtechnik 1-2/2016

Nikolaus Fecht Die

Nikolaus Fecht Die Integration der Qualitätssicherung (QS) in die Produktion ist mit Blick auf Industrie 4.0 von besonderer Bedeutung. Das meint Professor Robert Schmitt, Leiter des Lehrstuhls für Fertigungsmesstechnik und Qualitätsmanagement am Werkzeugmaschinenlabor der RWTH Aachen und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ) mit Sitz in Frankfurt am Main. Auf der METAV 2016 in Düsseldorf werden sich die DGQ sowie sein Lehrstuhl an der Quality Area engagieren. In unserem Interview entwirft er ein Bild der QS-Zukunft. SPECIAL / INDUSTRIE 4.0 IN ZEHN JAHREN WIRD ES DIE KLASSISCHEN BEDIENKONZEPTE NICHT MEHR GEBEN Autor: Nikolaus Fecht, Fachjournalist aus Gelsenkirchen 48 O+P – Ölhydraulik und Pneumatik 1-2/2016

INTERVIEW WIRD MIT INDUSTRIE 4.0 ALLES GUT? Herr Professor Schmitt, wie wird sich die zunehmende Vernetzung auf die QS auswirken? Durch die Umwälzungen der Industrie 4.0 werden mehr Daten anfallen, die schneller miteinander verknüpft werden: Das Spiel wird schneller. Lebte das bisherige Qualitätsmanagement von sorgfältig begründeten Kausalketten, so führt morgen vermutlich die Korrelation zahlreicher, zunächst scheinbar nicht zusammenhängender Größen zu schnelleren QS-Maßnahmen. Industrie 4.0 wird das Qualitätsmanagement auf jeden Fall beschleunigen. Dabei darf das Qualitätsmanagement aber nicht in zusätzlicher Kontrolle erstarren. Vielmehr sollte es den Menschen helfen, in der Wertschöpfungs kette ihre Aufgaben gut zu erfüllen und insgesamt die Produktion zu verbessern. Ein so organisiertes Qualitätsmanagement ist Bestandteil jeder Führungsaufgabe. Wenn die Werkzeugmaschine und die Produktion mit Hilfe von Sensorik mehr Daten erfassen kann: Was bedeutet das für die Signalverarbeitung mit Blick auf Echtzeitfähigkeit und das Bewältigen der dabei entstehenden enormen Datenmengen – Stichwort „Big Data“? Es könnte uns erstmals gelingen, derzeit lückenhafte Regelkreise durch Rückkopplung technologisch zu schließen. Wir arbeiten eng mit Informatikern in Projekten zusammen, in denen es darum geht, Informationen nach Bedarf auf so genannte „Wearables“, z. B. Brillengläser, zu projizieren. Dazu bedarf es echtzeitfähiger Systeme. Was technologisch so faszinierend erscheint, lässt Soziologen von der „Ironie der Automatisierung“ sprechen. Wenn ich der Rechenleistung eines modellgestützten Systems mehr Aufgaben übertrage, muss ich ein großes Fachwissen modellieren. Wenn das System steht, benötigt die Fabrik kurzfristig für exzellente Ergebnisse eigentlich weniger qualifizierte Mitarbeiter. Um ein Unternehmen aber auf der technologischen Höhe der Zeit zu halten, bräuchte es aber im Gegenteil eigentlich immer mehr Fachkräfte. Doch wegen der Automatisierung fehlen diese: eine zukunftsgefährdende Abwärtsspirale trotz hoher SIX SIGMA Six Sigma ist eine in den USA entwickelte Methode des Qualitätsmanagements, die statistische Methoden mit einem dezidierten Projektmanagementansatz verbindet. Ein Niveau von sechs Sigma bedeutet weniger als vier Fehler pro einer Million Möglichkeiten: Das entspricht praktisch einer Null-Fehler-Produktion kurzfristiger operativer Exzellenz. Selbst wenn nun datengetrieben sehr schnelle Qualitätsverbesserungen möglich sind – z. B. durch ein automatisiertes „Six Sigma in Minuten“ – sollte ein Unternehmen das spezifische Wissen über den Kundennutzen der eigenen Produktion verstehen und Kunden tief in die Wertschöpfung integrieren können. Wenn es das nicht macht, wenn es sich nur auf operative Exzellenz verlässt, wird es sein Wissen verlieren und wird austauschbar. Forschungseinrichtungen wie das Werkzeugmaschinenlabor in Aachen können Ideen liefern, damit es nicht so weit kommt. Welche Rolle spielen Qualitätsdaten, die in der Fabrik von morgen erzeugt werden? Messgerätehersteller müssen sich überlegen, wer zukünftig der Herr über die Datenstruktur ist. Denn er bestimmt künftig das Geschäftsmodell. Und durch den fundamentalen Wandel der Digitalisierung, die besonders auch durch die Konsum- Elektronik getrieben wird, sind alle Anwender von Smartphones den bequemen Zugang auch zu komplexen Daten gewohnt. Sie wünschen sich einen vergleichbaren Bedienkomfort in der Werkstatt: Sie wollen Informationen auf einen Klick und eben nicht spezifische Geräte mit komplizierten Steuerungen bedienen. Ich wage daher zu bezweifeln, dass es in zehn Jahren noch die klassischen Bedienkonzepte und damit auch die Systeme für die computerunterstützte Qualitätssicherung (CAQ) geben wird. Schwer werden es dann auch Messgerätehersteller haben, die ihre Produkte nicht in die IT-Welt ihrer Kunden integrieren können. Die Botschaft lautet: Versteht das Geschäft und den Wert der Daten Eurer Kunden! O+P – Ölhydraulik und Pneumatik 1-2/2016 49

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